1815. Herrensitz Coppelius.

Alchemisten, Akustiker und Astrologen arbeiten im Auftrag der Herren Coppelius an einem Verfahren, um die akustischen Instrumente Cello, Contrabass und Clarinetti auf unerhörte Lautstärke zu verstärken: Die galvanische Amplifikation! Die Rockgeschichte hat begonnen.

2015. Herrensitz Coppelius. Die Hertzmaschine ist fertiggestellt!

Akustisches Instrumentarium entfaltet sich zu dröhnendem Klanggewitter: Das Cello röhrt, der Bass knarzt, die Klarinetten schneiden sich durch Schlagzeug und Gesang. Gitarristen packen beschämt ihre Verstärker ein. Gaslichtromantiker, Steampunker und Liebhaber von handgemachter Musik - Coppelius sind zurück, lauter denn je!

Jubliläumskonzertfeierlichkeiten zu 200 Jahren galvanischer Amplifikation:

Die Hertzmaschine läuft an, die Herren Coppelius bereisen wieder den Kontinent.

Mit Kraft und Musizierfreude, gänzlich verzichtend auf hinter der Bühne versteckte Grammophone, -ja wirklich, komplett live, ohne Playbacks, ohne Einspieler- dafür mit dem unbändigen Willen, dem hochgeschätzten Auditorium den Vorteil akustischen Instrumentariums vorzuexerzieren. Jedes Konzert von Coppelius ist anders, jedes ist einzigartig, nie weiß man vorher, was geschehen wird. Doch sehen Sie sich vor: Wenn Gehrock und Zylinder fallen, kommt 200 Jahre aufgestaute Hysterie zutage!

Samstag, 22. Februar 2014

Constanze

Die Augen meines Gegenübers waren weit aufgerissen, ungläubig. „Das ist nicht möglich“, stieß der schlaksige Mann aus. Der Schweiß war ihm ausgebrochen, ich sah es genau. „Wie viele Asse gibt‘s denn in dem Spiel, frage ich Sie?“, schrie er. „Wohl vier.“ sagte ich ruhig und legte den Kopf schief. „Man sollte hier nicht anfangen, wenn man nicht zählen kann.“ „Betrüger, Lügner, Gaukler!“ entfuhr es dem mir wohlbekannten Manne namens Deininghart und er erhob sich, um über den Tisch nach mir zu greifen, auf dem immer noch die stechenden Karten lagen. Bevor er nach seiner Pistole fassen konnte, waren andere Männer herzugesprungen und hielten ihn am Rock fest. „Robert, das bringt doch nichts“, beschwichtigte ihn Lerchenfeld, ein junger Kerl im brockatbesetzten Gehrock, den ich ebenfalls kannte. „Spielschulden sind Ehrenschulden.“ sagte ich gleichmütig und zuckte mit den Schultern, bevor ich mich vom Tisch erhob und nach meinem hellgrauen Zylinder griff. Ich strich das Revers meines Rocks glatt. „Ich verabschiede mich - Ihre Kutsche nehme ich gleich einmal in Augenschein.“ „Halsabschneider, Betrüger!“ wetterte mein Spielkamerad und wehrte sich gegen die anderen Männer, die ihn immer noch zurückhielten, aber das ließ mich unbeeindruckt. „Falls Sie wieder einmal gegen mich antreten wollen, bringen Sie einfach mehr Geld mit.“ Ich nickte dem Besitzer des Etablissements kurz zu, einem grobschlächtigem Mann mit struppigem Bart und Halbglatze, bevor ich die Treppe hinaufstieg, die in eine schmutzige Seitengasse und von da an auf die Hauptstraße führte.


Der Abend war lau, eine Sommernacht, wie man sie sich vorstellte. Auf der Hauptstraße drüben am Park wartete Deiningharts Kutsche, nebst derer einiger anderen Herren aus dem Spielsalon. Ich ging hinüber, meinen Gehstock schwingend und betrachtete sie gutgelaunt. Sie war angespannt mit einem weißbraunen Gescheckten. Der Kutscher machte einen mürrischen Eindruck auf mich, aber das tat nichts zur Sache. Alles zusammen würde einen guten Preis bringen, nahm ich an. „Heda, einmal in den Kirschbaumweg Nummer 17“, rief ich ihm zu und öffnete die Seitentür zum Innenraum. „Das ist die Kutsche des jungen Herren Deininghart!“, entgegnete der in schmuddliges Braun gekleidete Mann und blickte verwirrt zu mir herunter. „Jetzt ist es meine - Ihr ehemaliger Herr spielt einfach zu schlecht.“ erwiderte ich nur und stieg hinein. Ich schloss die Tür wieder und ließ mich in die roten Ledersitze sinken. „Nun fahren Sie schon, ich habe es eilig!“, rief ich nach oben und pochte mit dem Gehstock gegen die Decke. „Ist ja schon gut.“ brummte der Fahrer und schickte sich an, das Pferd antraben zu lassen. Ich machte es mir bequem, zog schmunzelnd eine Spielkarte aus meinem Ärmel und betrachtete sie. Herz-Ass. „Und wie ist der Name des werthen Herren, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe?“ fragte der Kutscher laut von oben in die Kabine hinein. „Ich bin der Freiherr von Eichenstädt. Jetzt fahren Sie los.“ sagte ich und drehte die Karte zwischen den Fingern.


Diese Stadt ist voller Nichtskönner, dachte ich, als ich wieder einmal nachts aus dem Salon kam und meine eben neuerworbene silberne Taschenuhr betrachtete. Ein Leichtes, hier ein gutes Geschäft zu machen, aber es wäre bald wohl einmal wieder an der Zeit, abzureisen, der hiesige Raum war abgegrast und voller frustrierter Kartenspieler. Vielleicht in den Norden, dort war ich schon länger nicht gewesen. Das Meer war immer eine willkommene Abwechslung. Das war wohl eine gute Idee.
Ich steckte die Taschenuhr ein und schlenderte auf die Straße. Diesmal wartete keine Kutsche auf mich, ich hatte sie zu einem angemessenen Preis loswerden können. Der Käufer hatte keine großen Fragen gestellt, das hatte man in unserem Metier auch noch nie getan. Pfeifend schlug ich den Weg zum Park ein, atmete den Duft des angepflanzen Jasmin ein, der die Luft schwängerte. Ein Pärchen kam mir auf dem Kies entgegen. Ich tippte mir an den Hutrand und warf dem blondgelockten Mädchen einen Blick zu, den sie errötend erwiederte, bis ich vorbeigegangen war. Ein wenig musste ich über mich selbst lächeln. Ein seltsames Dasein, aber es gefiel mir so, wie es war. Immer ausreichend Geld in der Tasche und die Welt sehen.
Ich ging hinunter an den breiten Fluss, der dunkel gegen die Ufermauern schwappte. Dort setzte ich den Hut ab und lehnte mich an, um das Wasser zu beobachten, wie es in die Welt wanderte. Ich liebte Flüsse, Meere. Ein wenig ließ ich die Gedanken ziehen. Vielleicht sollte ich auch einmal wieder nach Paris gehen, dachte ich. Als sie mich von hinten packten, war ich nicht vorbereitet - sie zerrten mich auf den Weg, zu fünft. „Elender Falschspieler!“ zischte mir Lerchenfeld ins Ohr, ich kannte seine Stimme vom Tisch im Salon. Zwei von ihnen nahmen mich zwischen sich und ich erkannte Deininghart, der die Hand zur Faust ballte und sie mir gleich daraufhin in der Magengrube versenkte. Für einen kurzen Moment war alles nur ein dumpfer Schmerz. Ich hustete und hatte kaum Zeit, den nächsten Schlag abzufangen. Dummer Junge, sagte ich zu mir selbst, du hast zu lange gewartet. Es traf mich im Gesicht, rechts blitze es auf einmal hell auf, als mein Kieferknochen hart getroffen wurde. Mein Schädel klang auf wie eine helle Glocke. Alles wurde kurz schwarz.



„Überfall! Hifle! Sofort aufhören!“ hörte ich eine Frauenstimme rufen. Man ließ mich etwas los, ich hob kurz den Kopf und erkannte nur eine ausgestreckte Pistole, die auf Deininghart gerichtet war. Als sie mich losließen, fiel ich hart zu Boden. Der Schmerz blendete mich noch, ich wusste nicht, wie mir geschah. Aber das hatte ich schon öfters erlebt. „Das werden wir dir noch heimzahlen - wehe, du lässt dich noch einmal im Salon blicken!“ blaffte mich Zwillinger an und versetzte mir noch einen Tritt in die Magengegend, der mir sämtliche Atemluft austrieb. Ich kämpfte darum, mich nicht übergeben zu müssen.
Jemand zog mich auf den Rücken und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Behandschuhte Finger. „Geht es Ihnen denn gut?“ fragte mich ein Herr. Man packte mich und half mir auf die Beine. Ich hustete wieder und rang um Atem. „Es geht schon, haben Sie herzlichen Dank.“ brachte ich nur hervor. Mein Rock war an der Schulter aufgerissen, stellte ich fest. Ein Grund, um mit der Näherin wieder einmal im Hinterzimmer zu verschwinden, dachte ich und blickte auf.
Ein Herr höheren Alters in Abendmantel und Anzug blickte mich an, er trug einen bereits weißen Bart und steckte sich kurzerhand die Pistole wieder in ein Halfter an seiner Seite. „Man weiß nie, wen man auf der Straße trifft!“ sagte er nur und lächelte kurz, während ich mir den Staub abklopfte. „Oh, der Herr Polizeikommissar.“ antwortete ich geflissentlich. „Sie waren wohl meine Rettung.“ Ich hatte ihn von Bildern in der hiesigen Zeitung erkannt. Sofort schoss mir in den Kopf, wie ich jener Situation wohl entfliehen könne, als mein Blick auf die Frau fiel, die ihn begleitete. Es war eine junge Dame in meinem Alter mit grünlichen Augen, von anziehender Gestalt in einem mitternachtsblauen Kleid. Ihr Haar lockte sich weich um ihren Hals, um den sich ebenfalls eine Perlenkette wand - mindestens eine Passage nach Paris wert, wie mein Verstand mir zuflüsterte. Ich schob den Gedanken schnell beiseite.
Sie musterte besorgt das Abbild eines Straßenköters, das ich wohl abgeben musste. „Guten Abend.“ murmelte ich entzückt und wurde mir bewusst, dass ich noch nie eine so schöne Frau gesehen hatte. „Das ist übrigens meine Tochter Constanze.“ stellte sie der Kommissar vor. Der Kopf dröhnte mir immernoch. „Angenehm. Von Eichenstädt.“, erwiderte ich und küsste ihr die Hand. Wenigstens auf meinen Charme konnte ich mich immer verlassen, so auch jetzt. „Ihr Hut.“ sagte sie und reichte ihn mir. „Ist denn alles in Ordnung, wurden Sie beraubt?“ fragte sie mich dann. „Meine Taschenuhr ist abhanden“, antwortete ich, nachdem ich mich kurz abgetastet hatte. „Das ist natürlich ärgerlich. Ich werde sofort eine Fahndung ausgeben.“, sagte der Polizist. Ich hustete. „Tun Sie das“, und zählte einige der Namen auf, die ich nur zu gut kannte. Wer hier wohl wem etwas heimzahlt, dachte ich und setzte mir den Hut wieder auf.
„Sollen wir Sie noch nach Hause bringen?“ fragte mich Constanze. „Zuviel des Aufwands, das ist nun wirklich nicht nötig.“ wehrte ich bescheiden ab, doch der Polizeikommissar bestand darauf, mich in seine Kutsche einzuladen. Das sei doch selbstverständlich, meinte er, und nötigte mich am Ende doch dazu, anzunehmen. Die Fahrt daraufhin war sehr angenehm, wie ich trotz meiner anfänglichen Beklemmung durchaus zugeben musste - fast als wenn man eine ordentliche Familie gehabt hätte. Ich unterhielt mich angeregt mit der Tochter des Kommissars, die mich daraufhin überraschend, mit einem schelmischen Blick und einem kecken Zwinkern, aber mit Zustimmung ihres Vaters, zum Tee einlud. Als ich schließlich im Kirschbaumweg ausstieg und die Kutsche abfuhr, hatte ich nur noch sie im Kopf.


Wir trafen uns nach der ersten Teegesellschaft daraufhin mindestens drei mal in der Woche, sofern es ihr Vater erlaubte. Wir machten ausgedehnte Spaziergänge durch den Park, ritten aus, und es dauerte nicht lange, da war ich ein gern gesehener Gast im Hause des Polizeikommissars, auch wenn mir selbst dabei manchmal mehr als unwohl war. Es war einige Zeit her, seit ich zuletzt im Spielsalon gewesen war - Constanze zuliebe hatte ich das aufgegeben, ohne es ihr aber jemals gesagt zu haben. Es wäre auch zu verfänglich, sollte mich dort auch noch einmal irgend jemand sehen.
Inzwischen hatte ich mich gezwungenermaßen auf die Taschendieberei verlegen müssen, um ihr und ihrem Vater gegenüber nicht als unvermögend zu erscheinen, ein ehrliches Handwerk hatte ich bis dato nie erlernt. Dafür beherrschte ich dieses umso besser - in einer großen Stadt wie dieser war auch das kein Problem, die Straßen waren so eng und die Passanten teils so dicht gedrängt, dass es nicht weiter auffiel. Die Ware wurde man auch leicht wieder los, es fand sich immer irgendein Abnehmer in einer Seitengasse. Stehlen konnte ich schon gut, als ich 5 Jahre alt war und fand nun nichts mehr Anstrengendes dabei. Wenn es darum ging, ein neue Brosche für Constanze zu erwerben, der ich inzwischen so gut als möglich versuchte, den Hof zu machen, war mir nichts zu schwierig oder zu risikoreich. Der Gedanke an sie verlieh mir Flügel, mein Herz kannte nur noch sie. Nichts war mir gut genug für sie.
Mein Herz warnte mich aber ebenfalls, dass ich schon zu lange hier verweilte, aber ich wollte darauf nicht hören, zu schön waren ihre Küsse im Mondlicht am Fluss, zu angenehm das Abendessen in ihrem Haus, zu hell ihr Lachen in meinem Ohr. Meine Kemmenate im Kirschbaumweg verwaiste zusehends, aber das Mietgeld wurde immer pünktlich von mir bezahlt, weswegen sich meine gierschlündige Vermieterin auch nicht beschweren konnte. Ich würde mir hier ernsthaft noch einen ehrlichen Beruf suchen müssen, dachte ich, als ihre Lippen meine flatternden Lider berührten. Sie hätte wohl etwas Besseres verdient, etwas Ehrliches, flammte es in meinem Kopf auf. Ob ich dazu taugte, wusste ich nicht.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, verließ ich eines Abends ihr Haus - es fiel mir im Augenwinkel auf, dass das hier angestellte Zimmermädchen in einem schwarzen Mantel äußerst eilig in einer Nebengasse verschwand. Sie blickte sich gehetzt um, als wäre ihr daran gelegen, nicht gesehen zu werden. Dem jähen Instinkt eines Diebes folgend, ging ich ihr die Goethestraße hinunter, nach, bis sie bei einer bestimmten Tür halt machte - zu meiner Überraschung tauchte Deininghart darin auf, der ihr nach kurzer Zeit eine Münze in die Hand drückte. Ich erkannte ihn an seiner komischen gelben Krawatte, die er meistens zu tragen pflegte. Das plötzlich ungute Gefühl trog mich nicht - als mitten in der Nacht plötzlich der äußerst ungehaltene Polizeikommissar samt vier seiner Komparsen vor der Tür stand, man mich auf die Straße schleppte und ich am Rinnstein zufällig Lerchenfeld stehen sah, wusste ich genau, was hinter meinem Rücken zugetragen hatte. Man durchsuchte mein Zimmer und fand Constanzes Perlenkette unter meiner Wäsche im Schrank. Und wie sehr ich auch - in diesem Fall - meine Unschuld beteuerte, man sperrte mich doch auf der nächsten Polizeiwache ein.



„Das ist alles ein großes Missverständnis“, versuchte ich auch noch Tage später den diensthabenden Polizeibeamten zu beschwichtigen, der vor meiner Zelle auf und ab ging. „Sagen sie alle“, erwiderte dieser nur und drehte weiterhin seine Runden. Ich sah ihm nach ließ mich anschließend auf die raue Pritsche sinken, das einzige Möbelstück in meiner Zelle. Nur Deininghart hatte mich inzwischen besucht, er hatte mich ausgelacht. „Unterschätze niemals den, den du im Spiel betrügst, vielleicht spielt er genauso gut wie du.“ war alles gewesen, was ich von ihm zu hören bekommen hatte.
Dieser verfluchte ... wie dem auch sei, das brachte jetzt nichts, wenn man sich mit derlei Gesindel einließ, musste man mit allem rechnen, das sollte ich nur zu gut wissen. Mein Verstand hatte in den letzten Tagen wieder die Oberhand gewonnen, und ich überlegte, wie ich entkommen könnte. Ich wollte nur zu Costanze. Mir war übel vor Sehnsucht nach ihr, sie schwirrte in meinem Kopf umher wie die Mücken am vergitterten Fenster. Aber sie hatte mich nicht besucht - ihr Vater, nahm ich an. Ich musste sie wiedersehen. Ich musste. Ihr sagen, dass ich mich geändert hätte, wenn sie es denn noch hören wollte.
Am fünften Tag nach meiner Gefangennahme öffnete sich plötzlich die Zellentür. „Mitkommen“, fuhr mich der Wachmann an, und murmelte irgendetwas von Besuch. Steif erhob ich mich vom Boden. Die Tür stand offen ... und auf einmal war der Entschluss auch schon gefasst - und genauso schnell wieder weggeschoben, wenn ich mir noch irgendwelche Hoffnungen auf Contanze machen wollte, konnte ich nicht mit einem übereilten Fluchtversuch alles verderben. „Niemals allein Wache schieben“, murmelte jemand plötzlich hinter dem Beamten, ein dumpfer Schlag, er verdrehte kurz die Augen und sank zu Boden.
„Constanze!“ rief ich mehr als überrascht und sah meine Liebste mit einem Knüppel in der Hand im Gang stehen. Sie kam auf mich zu und küsste mich kurz auf den Mund. „Was machst du denn hier - das ist doch-“ kam ich nur dazu zu sagen, bevor ich erneut einen Kuss erhielt. „Beihilfe zur Flucht, ich weiß! Den Knüppel habe ich von Vater ausgeliehen.“ erwiderte sie und fischte schon die Schlüssel für meine Handschellen beim Wachmann aus dem Gürtel. „Ich weiß, dass du es nicht warst, dazu bist du viel zu ehrenvoll - und ich bin verrückt genug, dich selbst zu befreien.“ sagte sie und öffnete das Schloss an meinem Handgelenk. Kurz darauf hatte ich den Wachmann in die Zelle gezogen und abgesperrt. „Du weißt, dass wir hierauf sofort unweigerlich die Stadt verlassen müssen?“ fragte ich sie schmunzelnd wie nebenbei, als wir uns zum Vorzimmer der Zellen begaben. „Ich wollte schon immer hier weg.“ zuckte sie mit den Schultern. „Das scheint mir die beste Gelegenheit. Und ich mag ein wenig Aufregung. Ich dachte, du auch.“
Ich konnte mein Glück immer noch nicht fassen und hatte urplötzlich den Gedanken, als Trickbetrügerpaar mit ihr durch Frankreich zu ziehen, als plötzlich die gegenüberliegende Tür zum Eingangszimmer aufging und ein weiterer Beamter den Raum betrat - mit einem Laut der Überraschung zog er seine Pistole. Ich konnte mich gerade noch auf ihn werfen, aber der Schuss löste sich doch. Ich überwältige ihn. Es gelang mir, die Waffe aus seiner Hand zu winden und ich schlug ihn mit dem Kopf an den Türrahmen, so dass er kurzerhand zusammenfiel. Dann drehte ich mich um und ergriff Constanzes Hand, um sie zur Tür hinauszuziehen, als mir auffiel, dass sie sich nicht mit mir bewegte - ihre Hand war schweißnass, ich blickte an ihr empor, und sah, dass ihr ein dünner Blutfaden aus dem Mundwinkel rann. Kurz darauf breitete sich ein hellroter Fleck auf ihrer weißen Bluse aus. Immer weiter. Sie glühte in flammenden Farben. Ich starrte darauf. Die Welt war auf einmal still. Ich stürzte zu ihr hin, aber sie war schon tot, die Kugel hatte sie mitten in die Brust getroffen.
Just in diesem Moment betrat der Polizeikommissar den Raum. „Dieses törichte Kind, einfach wegzulaufen, aber es hilft nichts, wir müssen auch hier nachsehen-“ hatte er gerade auf den Lippen, bevor er wie zur Stein geworden stehen blieb. Ich starrte auf ihn, vom Boden hoch, beschmiert mit Constanzes Blut, die Pistole noch in der Hand. Ein Reflex ließ mich aufspringen und zur Tür schnellen, ich drängte mich an dem Beamten vorbei, einfach nur hinaus aus dem Raum, hinaus auf die Straße. Ich griff mir das erstbeste Pferd, das dort angebunden stand, sprang auf und trieb es die Straße hinunter. Die Rufe blieben bald hinter mir zurück. Constanze, dachte ich. Immer nur „Constanze“.



Am Bahnhof entwendete ich schließlich einem ähnlich großen Herren die Reisetasche und kleidete mich in der Toillette um. Constanze. Mit etwas Geld aus dem Koffer gelang es mir, ein Billet in Richtung Tschechien zu lösen. Constanze. Mit leerem Kopf stieg ich am Ende in den Zug, der mich nur von hier wegbringen sollte. Constanze. Ich öffnete ein Abteil, in dem schon jemand saß, und setzte mich in einen der grün gepolsterten Sessel. Constanze. Mir schwamm der Kopf - das Blut hatte ich immer noch nicht ganz abwaschen können, aber zum Glück hatte ich ein Paar Handschuhe in der Tasche gefunden, die eingermaßen passten. Constanze. Ich nahm eine herumliegende Zeitung und versenkte mich darin.
„Verzeihen Sie, fahren Sie auch nach Prag?“, sprach mich der Mann an, der mir gegenüber saß. Er hatte einen kahlen Kopf und erschien mir äußerst fragwürdig, als er mich so anlächelte. Ich nickte dennoch stumm. „Kennen Sie sich mit dem Reiseplan aus? Ich habe meinen zufälligerweise verloren, dürfte ich Ihren einmal benutzen?“ fragte er mich, mich neugierig musternd. Constanze. Ich zog einen mitgenommenen Plan aus der Rocktasche und reichte ihn ihm wortlos. „Gestatten Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Max Coppella.“ Constanze. „Angenehm.“ würgte ich hervor. Ich schüttelte ihm die Hand. Constanzes Hand, so nass. „Und Sie sind?“ fragte mich der Unbekannte. Constanze. Ich blickte ihn an. „Graf Lindorf.“ sagte ich schließlich.

                                                                                                                                                     ShvdK




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